Der Petersberg – Ein Stück Nachkriegsgeschichte

Petersberg Steigenberger Hotels AG Siebengebirge
Hotel Petersberg bei Königswinter - © Steigenberger Hotels AG

Wenn man so will, beginnt die Karriere des Petersbergs bei Bonn Ende des 12. Jahrhunderts: Im Jahr 1189 beauftragt der Erzbischof von Köln, mächtigster Mann am Mittelrhein, das Kloster Himmerod in der Eifel, zwölf Zisterziensermönche auf den Petersberg zu schicken, um die verlassenen Gebäude einer ehemaligen Eremitenklause zu übernehmen. Schon nach drei Jahren haben die Mönche keine Lust mehr auf den eher öden Berg. Sie steigen hinab ins Tal und siedeln sich in Heisterbach an - diese Klosteranlage gibt es immerhin bis heute. Von den Gebäuden auf dem Petersberg überdauert nur die Kapelle als Wallfahrtskirche. Der Rest dient einer landwirtschaftlichen Domäne als Standort.

Sommersitz für Kaufmannsfamilie

1834 geht der Besitz an einen Kölner Kaufmann, der für sich und seine Familie über dem Rheintal einen Sommersitz errichtet. Es entsteht eine Hotelanlage, die in den folgenden hundert Jahren mehrmals den Besitzer wechselt. Es ist ein mondänes Ausflugs- und Beherbergungsobjekt, und im Laufe der Jahrzehnte wird die Infrastruktur immer weiter ausgebaut. So bekommt der Petersberg eine Straße und eine Bergbahn.
Aber die Konzepte der jeweils Ausführenden stehen unter keinem guten Stern. Trotz der Präsenz und Strahlkraft der hohen Gäste, darunter der Königin Viktoria von England, bleibt das Hotel ein Zuschussbetrieb.

Aufschwung in den 20er-Jahren

1911 erwirbt Ferdinand Mülhens, Gründer des Parfümunternehmens 4711, den Besitz. Nach mehreren Umbaumaßnahmen und einer Pause während des ersten Weltkrieges, hat das Hotel in den zwanziger Jahren wirtschaftlichen Erfolg. DerAufschwung hält bis zum zweiten Weltkrieg an, unterstützt von Erweiterungen im Restaurations- und Hotelbetrieb. Bis zu 125 Personen arbeiten auf dem Petersberg. Eine Tankstelle mit Autowerkstatt, eine Wäscherei und eine Schneiderei vervollständigen das Angebot für die zahlungskräftige Kundschaft.

1937 trifft sich auf dem Petersberg der Unterhändler der britischen Regierung, Neville Chamberlain, mit dem Reichskanzler Adolf Hitler zu Gesprächen über die Sudetenkrise.

Während des Krieges bleibt das Hotel geschlossen, wird durch Beschuss beschädigt. Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches wird das Gebäude als Unterkunft britischer, amerikanischer und zuletzt belgischer Truppenteile benutzt.

Alliierte Hohe Kommission

Nach Gründung der BRD im Mai 1949 wird der Petersbergkomplex Sitz der "Alliierten Hohen Kommission", bestehend aus den Militärbefehlshabern der USA, Großbritanniens und Frankreichs sowie der verbündeten Staaten. Vom Petersberg aus wird die junge Republik im Sinne des Besatzungsrechtes der Sieger kontrolliert.

Der erste Bundeskanzler der BRD, Konrad Adenauer, drängt die Besatzungsmächte zu einer Erleichterung der Besatzungsstatuten. Vor allem die Demontage von Industrieanlagen und die Beschränkung der Aufnahme wirtschaftlicher Tätigkeit, verbunden mit einer hohen Arbeitslosigkeit, sorgen für Unruhe in der Bevölkerung. Die Besetzung des Saarlandes durch französische Truppen und die scharfe Kontrolle des Ruhrgebietes schüren Ängste um das "industrielle Herz" Deutschlands.
Bis Ende November verhandelt Adenauer in zwei Dutzend zähen und bis zu zwölfstündigen Verhandlungen mit den Alliierten. Am 22. November 1949 unterschreiben die Außenminister der drei westlichen Besatzungsmächte und Adenauer das "Petersberger Abkommen".

Das Petersberger Abkommen

Das Abkommen regelt das Ende der Demontage von Industrieanlagen und die Beschlagnahme von Rohstoffen. Hauptsächlich im Ruhrgebiet und im Saarland wurden Industrieanlagen außer Landes geschafft und im Schwarzwald ganze Wälder abgeholzt. Mit Unterzeichnung des Abkommens ist das Ende dieser Reparationen absehbar. Die wirtschaftliche Tätigkeit, vor allem in der Schwerindustrie an Rhein und Ruhr, wird damit erleichtert. Handelsbeziehungen und diplomatische Kontakte zu den Nachbarstaaten werden eingerichtet und die BRD bekommt einen Sitz im Europarat. Der "Marshall-Plan" zum Wiederaufbau Deutschlands läuft an.

Westbindung

All das erkauft Adenauer mit der Westbindung des deutschen Teilstaates, vor allem an die USA und die von ihnen kontrollierten Organisationen wie die Weltbank.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der Grundstein zur Westbindung, den Adenauer gelegt hat, bis heute nachwirkt. So gründet drei Jahre nach dem Abkommen der beteiligte hohe Kommissar der USA, John J. Mc. Cloy, mit dem Bankier Erich Warburg die "NGO" American Council on Germany, eines der einflussreichsten Netzwerke der US-Regierung in Deutschland und bis heute die Schwesterorganisation der "Atlantik -Brücke".

Das Abkommen stößt bei der Opposition auf massive Ablehnung. Vom "Ausverkauf nationaler Interessen" am Parlament vorbei ist die Rede. In der Regierungserklärung am 24.November 1949 erklärt Adenauer die bedingungslose Westbindung als die einzige Möglichkeit zur Wahrnehmung deutscher Interessen - sozusagen alternativlos.
In der anschließenden Bundestagsdebatte nennt der Parteivorsitzende der SPD und Oppositionsführer im Bundestag, Kurt Schuhmacher, Adenauer den "Kanzler der Alliierten". Es wird eine heiße Parlamentsschlacht, und der Bundestagspräsident unterbricht die Debatte um 3.21 Uhr morgens. Schuhmacher soll sich entschuldigen, lehnt ab und wird für zwanzig Sitzungstage vom Bundestag ausgeschlossen.

In der Folgezeit sitzt Adenauer die Aufregung gekonnt aus. Das Petersberger Abkommen, in Verbindung mit dem Marshallplan, sorgt für das "Wirtschaftswunder" in der jungen Bundesrepublik. 

Kaiser, Schah und Königin auf dem Petersberg

Man ist wieder wer und will es auch zeigen. Nach Abzug der Hohen Kommission vom Petersberg, übernimmt die Bundesregierung das Hotel für die Unterbringung hoher Staatsgäste. Der erste Staatsgast ist König Haile Selassie I. von Äthiopien 1954. Der Schah von Persien wohnt hier zweimal - beim zweiten Mal, 1967, wird in Berlin im Verlauf einer Anti-Schah-Demonstration ein junger Student erschossen.

Queen Elisabeth I. ist auch zweimal hier - im Jahr ihrer Thronbesteigung 1956 und im Jahr 1967.

Breschnew schrottet Mercedes

Auch Leonid Breschnew, das sowjetische Staatsoberhaupt, wird auf dem Petersberg untergebracht. Für ihn wurde das Hotel, nachdem es 1969 von den Besitzern wegen mangelnder Rentabilität geschlossen wurde, 1973 eigens renoviert. Als Gastgeschenk der Bundesregierung bekommt Breschnew einen nagelneuen Mercedes 350SL.  Auf einer Probefahrt hinunter nach Königswinter fährt er das flotte Gefährt zu Schrott.

1979, unter Bundeskanzler Helmut Schmidt kauft die Bundesregierung der Familie Mühlens den Petersberg ab. Die Planungen und Umbauten dauern 11 Jahre. Im August 1990 schließlich wird das Gästehaus des Bundes offiziell dem Auswärtigen Amt übergeben. Im gleichen Jahr vermietet der Bund das Objekt an die Steigenberger Hotelkette mit einer Bevorzugungsklausel für den Bund.

In den Folgejahren sind Gorbatschow, Boris Jelzin, Nelson Mandela und Bill Clinton auf dem Petersberg zu Gast. Dutzende internationaler Konferenzen finden hier statt. So die Konferenz der G7 zu Afghanistan, zum Kosovo und die Folgekonferenz der Schengenstaaten zur Sicherung der EU Außengrenzen. Aber mit dem Hauptstadtbeschluss 1991 zur Verlegung des Regierungssitzes  nach Berlin ist das Schicksal des Petersberges besiegelt. Michael Schuhmacher heiratet zwar hier. Aber politische Bedeutung hat das nicht mehr. Das neue Gästehaus des Bundes ist seit 2007 das Schloss Meseberg in Brandenburg. Der Petersberg ist heute ein Steigenberger-Hotel.

Quellen und Literaturtipps:
Meyers Enzyklopädisches Lexikon, 9. Auflage 1977, Mannheim, Bd. 18 Seite 472
Konrad Adenauer Stiftung, Petersberger Abkommen
Wikipedia, Petersberg-Siebengebirge
Plenarprotokolle des Bundestages, Band 1
Hermann Ploppa, Die Macher hinter den Kulissen, Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern, Nomen-Verlag 2014, Frankfurt am Main 2015