Wandern auf Hiddensee. Die Geschichte der Deutschen in Wanderungen erleben: geschichte-zu-fuss.de. Das Foto zeigt den Hafen von Kloster auf Hiddensee. © Dumman/pixelio.de

Gerhart Hauptmann auf Hiddensee

Gerhart Hauptmann, für seine “reiche, vielseitige, hervorragende Wirksamkeit auf dem Gebiete der dramatischen Dichtung” 1912 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, gilt als der bedeutendste Vertreter des deutschen Naturalismus. Hier die Kurzbiographie:

Gerhart Hauptmann wird als Sohn eines Gastwirts am 15. November 1862 in Bad Salzbrunn in Schlesien geboren.
Nach der Realschule und einer landwirtschaftlichen Ausbildung besucht er von 1880 bis 1882 die Kunstschule in Breslau. Anschließend immatrikuliert sich Hauptmann an der Universität in Jena. Das Studium unterbricht er 1883 für eine Kunstreise nach Italien – er versucht sich als Bildhauer in Rom.
Zurück in Deutschland wechselt er an die Universität in Berlin, betreibt historische Studien und nimmt Schauspielunterricht. 1885 heiratet er die Kaufmannstochter Marie Thienemann.
Seine Frau kommt aus reicher Familie. Das Paar zieht zunächst nach Erkner bei Berlin, später dann nach Schöneberg. Hier werden die drei Söhne Ivo, Eckart und Klaus geboren.

Haus Seedorn auf Hiddensee  - © Helga Ewert/pixelio.de
Haus Seedorn auf Hiddensee – © Helga Ewert/pixelio.de

Begegnung mit Hiddensee
Hauptmann wird nach Jahren der Suche um seinen Platz als Künstler freier Schriftsteller in Berlin. In dieser Zeit besucht er das erste Mal die Insel Hiddensee. Die abenteuerliche Fahrt dorthin und der Aufenthalt auf der noch nicht erschlossenen Insel werden für den jungen Dichter zum prägenden Erlebnis.

Schon Hauptmanns erstes Drama, “Vor Sonnenaufgang”, macht ihn 1889 schlagartig berühmt.  Die Premiere im Lessingtheater in Berlin gerät zum Skandal, weil sich das Stück für die damalige Zeit sehr realistisch mit den Themen Soziales Elend und Suizid befasst.

Hauptmann wird wichtigster Vertreter des Naturalismus, einer Stilrichtung in der deutschen Literatur der Gründerzeit um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Sie ist geprägt von der wirklichkeitsnahen Schilderung menschlicher Schicksale ohne romantische Färbung.

Die Weber
Auch Haupmanns nächstes Werk, “Die Weber” – eine dramatische Dichtung des schlesischen Weberaufstandes von 1844 – trifft in seinem Erscheinungsjahr 1891 einen Nerv. Soziale, mystische, psychologische und künstlerische Motive werden zum Markenzeichen des Dramatikers. Die Erzählung “Der Biberpelz” und die Novelle “Bahnwärter Thiel” gehen in die Literaturgeschichte ein.

Der Erfolg gestattet es Hauptmann, in Schreiberhau im Riesengebirge ein Haus zu kaufen. Seine Frau und die Kinder lassen sich dort nieder. Hauptmann bleibt in Berlin und beginnt eine Beziehung mit Margarete Marschalk. 1900 wird ihr gemeinsamer Sohn geboren. 1904 willigt Marie in die Scheidung ein und Hauptmann heiratet Margarete. Für die neue Famillie baut er im schlesischen Agnetendorf eine schlossartige Villa. Von schlechtem Gewissen geplagt, richtet er für seine erste Frau und die drei Söhne ein Haus in Dresden ein.
Agnetendorf und Hiddensee werden für den Dichter die bestimmenden Orte seines Lebens.

Literaturnobelpreis
Den Höhepunkt seines Ruhmes markiert die Verleihung des Nobelpreises für Literatur im Jahre 1912.
In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg veröffentlicht Hauptmann Dramen, Romane und Erzählungen. Aber die Zeiten haben sich geändert . Andere, Jüngere beherrschen die künstlerische Szene der Weimarer Republik. Seiner Beliebtheit, zumal im Ausland, tut das keinen Abbruch.
Von der Linken wird Hauptmann sogar als Reichspräsident vorgeschlagen, was dieser aber ablehnt.
Als Schriftsteller kann er jedoch nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, schreibt er Fortsetzungsromane für Zeitungen.

Dafür kommt Hiddensee, seine geliebte Insel, bei den Künstlern und Intellektuellen der 20er Jahre in Mode. Sigmund Freud, Billy Wilder, Gustav Gründgens, Ernst Barlach, Ernst Toller – alle logieren im “Haus am Meer” und Hauptmann, der “Dichterfürst” ist Mittelpunkt der Gesellschaft.

Sommerresidenz auf Hiddensee
Die “geistigste aller deutschen Inseln” wird für den Dramatiker in dieser unruhigen Zeit zur Heimat. 1930 kauft er das Haus Seedorn auf Hiddensee und macht es zu seinem bevorzugten Aufenthaltsort im Sommer. Hier residiert der Dichter mit aufwendigem Lebensstil, vielen Besuchern und Gesellschaften. Aber in der Ursprünglichkeit der Natur der Ostseeinsel findet er auch die Ruhe und Geborgenheit, um von seinen ausgedehnten Reisen und den Theaterpremieren seiner Werke auszuruhen und Kraft zu schöpfen.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wird Hauptmann von diesen umworben – der “Führer” gratuliert ihm persönlich zum 75. Geburtstag. Vor allem Hauptmanns Werk “Florian Geyer” mit dem Wahlspruch “der deutschen Zwietracht mitten ins Herz”, wird von den neuen Machthabern gelobt.

Die letzten Jahre seines Lebens zieht sich Hauptmann mehr und mehr zurück und wendet sich religiösen und klassischen Stoffen zu.  Seine Stellung als berühmter Dichter verlangt aber weiterhin seine Präsenz in der Öffentlichkeit. Auch aus Sorge um die Finanzen ist Hauptmann unermüdlich unterwegs, um seinen Werken die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Den zweiten Weltkrieg und sein Ende erlebt Hauptmann in seinem Haus Wiesenstein im schlesischen Agnetendorf. Von sowjetischen Kulturoffizieren zur Ausreise gedrängt, erwidert er: “Lebend bringt ihr mich nicht von Wiesenstein fort”.

Am 6. Juni 1946 stirbt Hauptmann. Die neuen, kommunistischen Machthaber ehren den Dichter mit einem Staatsbegräbnis auf dem kleinen Inselfriedhof in Kloster auf Hiddensee.

Quellen + Literaturtipps zu Gerhart Hauptmann und zu seiner Zeit auf Hiddensee

Bernd u. Angelika Fischer: Gerhart Hauptmann auf Hiddensee, Menschen und Orte. Edition A.B.Fischer. Berlin 2011
Johann Henk: Gerhart Hauptmann – Begegnung mit seiner Insel; Frankfurter Literaturverlag 2012

  Foto oben: Hafen von Kloster – © Dumman/pixelio.de