Hildegard von Bingen

“Wisse die Wege” – lateinisch “Scivias”. So lautet der Titel der ersten  Schrift Hildegards von Bingen aus dem Jahre 1150.
Hildegard – auch die deutsche Prophetin genannt – wird als Hildegard von Bermersheim 1098 in Rheinhessen geboren. Ihre Eltern Mechthild und Hildebert sind Edelfreie des niederen Adels und übergeben ihre jüngste Tochter im Alter von acht Jahren schweren Herzens in die Obhut der Kirche.

Als zehntes Kind ist Hildegard jenes Kind, welches von den gläubigen Eltern als Gott zugehörig angesehen wird. Sie wird ihrem Namen, “Hilde” für Kampf oder Entscheidung und “gard” für Ort, alle Ehre machen.
Von Kindheit an kränklich und von Visionen heimgesucht, ringt sie bis zu ihrem Tod 1079 mit der Schwäche ihres Körpers und der Gewalt ihrer Erscheinungen. Als Kind unfähig sich mitzuteilen, lernt sie erst als Erwachsene mit dieser außergewöhnlichen Gabe des “zweiten Gesichtes” umzugehen. Sie beschreibt diesen geistigen Zustand wiederholt als helles Licht mit Blitzen, Farben und Ornamenten – neurologisch eine Art Migräneanfall. Ihre Eingebungen sind aber nicht Folge eines Zustandes der Entrückung, betont sie, sondern wachen Sinnes empfängt sie die göttliche Offenbarung.

Die ersten Jahre auf dem Disibodenberg

Zwei Mädchen sind es, Jutta und Hildegard, die mit ihrer Erzieherin Jutta von Sponheim ab 1112 am Rande des Benediktinerklosters Disibodenberg ein abgeschlossenes Leben führen. Jutta, nur sechs Jahre älter als ihre Schützlinge, hat ihrem Vater die Finanzierung der Klausen abgetrotzt.
 Im gemeinsamen Wohn- und Speiseraum lernen die Mädchen die Psalmen und Gesänge Davids, die Liturgie und die Benediktinerregel. Die weltlichen Künste, die “Artes Liberales” (Mathematik, Geometrie, Astronomie, Rhetorik und Grammatik) vervollständigen die umfassende Bildung der jungen Klausnerinnen.
Im Alter von 15 Jahren empfängt Hildegard ” den Schleier” der Benediktinerinnen. Sie wird Braut Christi und unterwirft sich den strengen Regeln des heiligen Benedikt – bis zu ihrem Tode mit 81 Jahren wird sie nichts anderes tragen als die schwarze Nonnentracht.

Zeit des Umbruchs und der Eingebungen

Die Zeit, in der Hildegard lebt, ist eine Zeit des Umbruchs, des Überganges von der “wuchtigen Romanik zur himmelstrebenden Gotik”, wie Charlotte Kerner in ihrem Buch “Alle Schönheiten des Himmels” schreibt. Gab es bis 1100 in Europa ca. 150 Frauenklöster, sind es am Ende des 12. Jahrhunderts fast dreimal so viele. Auch die Klausen am Disibodenberg sind inzwischen gewachsen und als Jutta von Sponheim 1136 stirbt, wird Hildegard zur Nachfolgerin gewählt. Die Nonnenklausen entwickeln sich zu einer eigenständigen Einheit in der Benediktinerabtei, der “Gottesstadt” an der ständig gebaut wird.
In diese Zeit, zwischen 1136 und 1140, fällt auch die wichtigste Eingebung, die Hildegard empfängt. Der göttliche Auftrag lautet:  “Schreibe nieder und verkünde der Welt deine Offenbarungen.”
Dieser Auftrag wird ihr ganzes weiteres Leben bestimmen und sie erreicht Unglaubliches.
1041 beginnt sie das Werk  “Liber scivias”, über die Schöpfung und Erlösung der Welt. Bei der päpstlichen Synode von Trier 1147/48 zitiert der Papst aus diesem Werk, bestätigt offiziell ihre Sehergabe und Hildegard wird berühmt.
1150, Hildegard ist über fünfzig und für damalige Verhältnisse eine alte Frau, wird der Disiboden zu klein und sie bittet Abt Kuno, ein eigenes Frauenkloster gründen zu dürfen. Der Abt ist nicht begeistert, die berühmte “Posaune Gottes” ziehen zu lassen und  weigert sich.
Hildegard nimmt Verbindung auf zu der einflussreichen Mutter ihrer Gehilfin Richardis, der Markgräfin von Stade. Diese spricht beim Vorgesetzten von Kuno, dem Erzbischof von Trier vor, und erreicht, dass Kuno, nach zweijährigem Zögern, zustimmen muss.
Es sind zwei schlimme Jahre. Hildegard wird sterbenskrank, der Konvent des Klosters ist unwillig und ein Mönch, Arnold, hetzt besonders gegen Hildegard. Da wird er plötzlich von heftigem Fieber ergriffen, er befürchtet zu sterben und verlangt zur Kirche des heiligen St. Rupert gebracht zu werden –  ausgerechnet zu dem Ort, den Hildegard für ihre Klostergründung gewählt hat. Dort angekommen, wird der Mönch gesund. Der Abt gibt ob dieses Wunders seinen Segen, und Hildegard zieht mit zwanzig Nonnen in Richtung Rhein.

Der Rupertsberg

Der Rupertsberg bei Bingen ist der ideale Platz. Hier kreuzen sich die Verbindungen zwischen Köln, Trier und Mainz. Der Hügel ist in Rheinnähe, und die Gebeine des heiligen St. Rupert ruhen in einer kleinen Kirche. Arnold, der widerspenstige Mönch, ist der Erste, der rodet, pflanzt und baut.
“Schreibe nieder und verkünde” – Hildegard sieht sich als Werkzeug Gottes und arbeitet ohne Schonung. Ihr Vertrauter und Sekretär Mönch Volmar  und ihre Schülerin Richardis helfen ihr. Sie predigt in Mainz, Trier und Köln, empfängt weltliche und geistliche Würdenträger, die Hildegard um Rat fragen und unterhält einen regen Briefwechsel mit den Großen ihrer Zeit.
Aber auch das einfache Volk klopft nicht vergebens am Rupertsberg an die Klosterpforte. Hildegards Wissen ist dem Menschen und seiner Beziehung zu den Erscheinungen der  Welt und des Kosmos zugewandt. So kann sie vielen Menschen praktische Hilfen geben für ein gelingendes Leben. Dazu kommen ihre großen Werke über die Heilkunst, die Wirkkraft der Dinge, die Lebensverdienste und eine Liedersammlung, die in dem neuen Kloster entstehen. Weiter unternimmt sie Reisen nach Lothringen, Schwaben, Franken und in das Rheinland.
Hildegards Ruhm sorgt für regen Zulauf auf dem Rupertsberg – das Kloster wird zu klein. Gegenüber, auf der anderen Seite des Rheins bei Rüdesheim, gründet sie in Eibingen 1165 ein Tochterkloster. Jede Woche fährt sie einmal über den Rhein, um das Kloster zu besuchen.
1179, im Alter von 81 Jahren, stirbt Hildegard.
 Mehrere Versuche zu ihrer Heiligsprechung scheitern. Erst Benedikt XI., der deutsche Papst, spricht Hildegard von Bingen, die Seherin vom Rhein, im Jahre 2012 heilig.
Der Rupertsberg wird im Dreißigjährigen Krieg zerstört, das Kloster Eibingen und seine Besitzungen fallen 1802, im Zuge der Säkularisation durch Napoleon, an den Staat. Erst im Jahre 1904 wird oberhalb von Eibingen das neue Kloster St Hildegardis gegründet. 12 Schwestern aus der Abtei St. Gabriel bei Prag nehmen dort die Arbeit auf. Es wird eine Abtei mit allen Rechten des ehemaligen Klosters von Hildegard und sie ist nur dem Heiligen Stuhl in Rom verpflichtet.

Quellen und Literaturtipps:
Meyers Enzyklopädisches Lexikon:  Band 17,20,4,6, Bibliographisches Institut, Mannheim 1972
Charlotte Kerner: Alle Schönheit des Himmels. Beltz und Gelberg, Weinheim und Basel, 1997
www.abtei-st-hildegard.de  www.landderhildegard.de  www.niederwalddenkmal.de  www.drosselgasse.de
Ausstellungsheft: Hildegard von Bingen, Erzbistum Limburg/Lahn, Herausgeber: Joh. Oberbandscheid, Idstein 2014

 Foto oben: Kloster Hildegardis/Eibingen – © D. Fetzer/pixelio.de