Riemenschneider Altar in der Herrgottskirche, Creglingen

Tilman Riemenschneider – ein deutsches Schicksal

Schicksalhaft und dazu typisch deutsch sei Tilman Riemenschneiders Leben gewesen. Der das sagt, ist der Autor Hans- Christian Kirsch, der eine wunderbar lesenswerte Biografie über den begnadeten Künstler aus Würzburg geschrieben hat.

Schicksalhaft ist das Leben Riemenschneiders allemal. Geboren um 1460 als Sohn des Münzmeisters Tilman des Älteren in Heiligenstadt im Eichsfeld, beginnt er als Zwölfjähriger eine Lehre als Maler und Steinmetz. Weil Holz- oder Bildschnitzer kein eigener Berufstand ist, lernt er in dieser Zunft und geht 1475 als Maler- und Steinmetzgeselle auf Wanderschaft.
Acht Jahre dauert es, bis sich der Geselle 1483 in Würzburg niederlässt. Er heiratet zwei Jahre später die um einiges ältere Witwe Anna Schmidt, die drei kleine Kinder und Grundbesitz mit in die Ehe bringt. Ihr ererbtes “Haus am Wolfmannsziechlein” wird Wohnort und Werkstatt des zum Meister aufgestiegenen Ehemannes.

Riemenschneider: entwaffnend freundlich

Die Charakterstärke des jungen Meisters zeigt sich in der Zeit nach der Eheschließung, als die giftigen Kommentare über den “hergelaufenen Handwerksburschen” und seine Einheirat in das Bürgertum der Stadt nicht abreißen. Die “Giftmäuler” merken, mit wem sie es zu tun haben, und so ebbt der Strom der Missgunst schnell ab.
Riemenschneiders offenes, freundliches Wesen und das Wohlwollen, mit dem er seinen Mitmenschen begegnet, entwaffnet selbst seine ärgsten Feinde. Diese Menschlichkeit zeigt sich auch in seinen Werken. Schnell spricht sich herum, wie ausdrucksstark seine Figuren sind. Mit dem, was er aus einem groben Lindenholzklotz erschafft, reiht er sich schon als Dreißigjähriger in die Meisterriege von Veit Stoß, Mattias Grünewald und Albrecht Dürer ein.

Auf Augenhöhe mit Dürer und Veit Stoß

Auch dauert es nicht lange, und in der Werkstatt des “Bildschnitz Til” arbeiten mehrere Gesellen und Lehrbuben. Auftraggeber ist meist die Kirche und in Würzburg natürlich das alles beherrschende Domkapitel mit dem Fürstbischof an der Spitze. Riemenschneider erlebt drei Bischöfe, ohne die in seiner Heimatstadt nichts bewegt wird. Würzburg ist abhängig von der Kirche, und selbst eine so kleine freie Reichsstadt wie das benachbarte Rothenburg ob der Tauber ist unabhängiger in ihrer Selbstverwaltung als die vergleichsweise große Stadt, dessen Bürger er ist.
So zahlen die Domherren keine Steuern an die Gemeinde, obwohl viele Kirchenleute innerhalb der Stadtmauer ansässig sind. Zugleich beanspruchen sie aber sämtliche Dienstleistungen, welche die Gemeinschaft ihren Bürgern zur Verfügung stellt. In weiser Voraussicht ist der Bischofssitz auch eher wie eine wehrhafte Burg gestaltet als wie ein offenes Gotteshaus – man weiß ja nie.

Tilman Riemenschneider aber kümmert Politik wenig. Er geht in seiner Arbeit auf und wird mit Aufträgen überhäuft. Riemenschneider liefert im weiten Umkreis Bildnisse, Altäre, Skulpturen und Grabmäler. Seine Kunstfertigkeit, Menschen im Holz lebendig werden zu lassen, beeindruckt nicht nur die Geistlichkeit:

Der gemeine Mann im beginnenden 15. Jahrhundert kennt noch keine schriftlichen Darstellungen der Glaubensinhalte der christlichen Überlieferung und der in ihr handelnden Personen. Leben und Wirken von Jesus und seinen Jüngern, den Aposteln, den Heiligen und ihre Bedeutung für den Volksglauben werden nur durch Bilder transportiert. Der Glaube an eine höhere Macht und einen gerechten Gott ist oft das Einzige, was die Menschen ihr irdisches Dasein und ihre Not ertragen lässt. Aus diesem Grund ist die Arbeit Riemenschneiders tief im Alltag seiner Landsleute verankert. Es entsteht “eine Vertraulichkeit des Umgangs mit Gott”, so zitiert H.-Chr. Kirsch den Autor Johan Huizinga aus dessen Buch “Herbst des Mittelalters”.

Auch Meister Til ist gläubig und ein guter Untertan seiner Kirche. Er zweifelt nicht an ihrer Machtbefugnis und akzeptiert die Verhältnisse so, wie sie sind. In seinem Umfeld, in seiner Werkstatt und seiner Stadt ist Riemenschneiders Nächstenliebe sprichwörtlich. Keinen Wanderburschen auf der Walz, keine arme Häckerwitwe seines Viertels weist er ab; wo Not ist, gibt er gern und reichlich. Meisterin Anna hat manche Mühe “die güldenen Vögelein”, die Gulden für die Finanzierung des großen Haushaltes beisammen zu halten.

Nur in einem Punkt leistet sich Riemenschneider den Luxus des Widerspruchs gegenüber seinen geistlichen Auftraggebern – in seiner Kunst. Keine Farbe, Schminke, Vergoldung duldet er bei seinen Arbeiten. Seine Figuren leben aus ihrem Inneren, und die Gebärden, die Gesichter und die Falten der Gewänder wirken nur in ihrer Schlichtheit echt.
Auch in späteren Jahren, als die neue Kunst der italienischen Renaissance an seine Werkstatttür klopft, kann sich Tilman Riemenschneider nur schwer vom alten Stil der mittelalterlichen Spätgotik lösen.

Rückschläge

Nach nur neun Jahren Ehe stirbt seine Frau Anna im Jahr 1494. Riemenschneider ist gut im Geschäft und er kann seinen Haushalt finanzieren, aber die Meisterin fehlt ihm sehr. Er arbeitet fast ohne Pause, und trotz seiner Trauer entstehen in dieser Zeit einige seiner besten Werke – in den Gesichtszügen der Frauengestalten lebt Anna weiter.

Drei Jahre dauert es, und der Meister findet eine neue Meisterin. Auch sie heißt Anna und stammt aus dem Hause Rappolt in Würzburg. Schicksalhaft auch die zweite Ehe, Anna stirbt neun Jahre nach der Heirat 1506. Riemenschneider ist Mitte Vierzig, hat acht Kinder zu versorgen und eine große Werkstatt.
Seine Schaffenskraft ist, trotz der privaten Rückschläge, ungebrochen. Zudem ist der Künstler seit zwei Jahren Mitglied im Unteren Rat der Stadt. Im Jahre 1509 wird er von der Stadt in den bischöflichen Oberen Rat entsandt, wo seine guten Beziehungen zum Fürstbischof, sowie seine menschliche und kluge Art wesentlich zum Ausgleich zwischen Stadt und Domkapitel beitragen.

Zwei Jahre zuvor, 1507, hat er ein drittes Mal geheiratet, Margarete Wurzbach. Der Familie Riemenschneider geht es gut, und der Meister kann ein neues Haus am Tiergärtnertor erwerben. Im Jahr 1520, in dem seine dritte Ehefrau stirbt, wird Riemenschneider sogar zum Bürgermeister gewählt. Er heiratet ein viertes Mal, wieder eine Margarete und wesentlich jünger als er – vielleicht wollte er sicher gehen, dass sie ihn überlebt. Er kauft weitere Häuser und Weinberge und bleibt bis 1524 Bürgermeister seiner Stadt.
Die politischen Ereignisse außerhalb der Stadtmauern haben ihn und seine Stadt noch nicht erreicht.

Die Jahre des Bauernaufstands

Im Jahre 1493 wird der Bauernaufstand des Bundschuh im Elsass blutig niedergeschlagen. Fünf Jahre später 1498 erscheint das Programm des “Revolutionär vom Oberrhein“, eine anonyme Streitschrift zur Reform der bestehenden Herrschaftsverhältnisse. 1513 erheben sich die Bauern  im badischen Breisgau unter der Bundschuhfahne gegen die Herrschaft und scheitern. Zwei Jahre später, 1515, veröffentlicht Martin Luther seine Ablassthesen in Wittenberg.

Die Lage der Besitzlosen, der Bauern und Unfreien – also des weitaus größten Teils der Menschen im Reich – verschärft sich dramatisch. Auch die Reichsritter unter Franz von Sickingen kämpften gegen Machtverlust und Verarmung.
1525 spitzt sich die Lage in Franken zu, und die Bauern erheben sich auch hier. Riemenschneider und die Mehrheit seiner Mitbürger stehen auf der Seite der Bauern und öffnen die Tore. Die Festung des Fürstbischofs hält ihrer Belagerung stand, und die gut ausgerüstete Söldnertruppe des Georg Truchsess zu Waldburg-Zeil – “Bauernjörg” genannt – schlägt den Aufstand nieder.

Gefängnis und Folter

Tilman Riemenschneider wird im folgenden Strafgericht des Fürstbischofs als einer der Hauptverantwortlichen eingekerkert und gefoltert. Nach zwei Monaten kommt er frei und kehrt nach Hause zurück. Er hat überlebt, ist aber ein gebrochener Mann. Seinen Besitz behält er, aber außer einem Auftrag der Benediktinerinnen-Abtei in Kitzingen ist keine weitere Arbeit mehr von ihm bekannt.

Riemenschneider gerät in Vergessenheit

Knapp über siebzig Jahre alt, stirbt der ” Meister Bildschnitz Til” in Würzburg am 7. Juli 1531. Schon bald nach seinem Tod gerät Riemenschneider in Vergessenheit und wird erst im 19. Jahrhundert wieder entdeckt – so wie auch sein Hauptwerk, der Altar in der Herrgottskirche von Creglingen, der seit der Reformation hinter einem Bretterverschlag verborgen war und erst 1832 wieder zum Vorschein kommt.

In seiner Rede “Deutschland und die Deutschen” sagt Thomas Mann über Tilmann Riemenschneider: “Nie hatte er gedacht, sich in die hohe Politik, die Welthändel zu mischen – es lag seiner natürlichen Bescheidenheit, seiner Liebe zum freien und friedfertigen Schaffen ursprünglich fern. Er hatte nichts vom Demagogen. Aber sein Herz, das für die Armen und Unterdrückten schlug, zwang ihn, für die Sache der Bauern, die er für die gerechte und gottgefällige erkannte, Partei zu nehmen gegen die Herren, die Bischöfe und Fürsten…… es zwang ihn, ergriffen von den großen grundsätzlichen Gegensätzen seiner Zeit, herauszutreten aus seiner Sphäre rein geistiger und ästhetischer Kunstbürgerlichkeit und zum Kämpfer zu werden für Freiheit und Recht. Seine eigene Freiheit, die würdige Ruhe seiner Existenz gab er daran für diese Sache, die ihm über Kunst und Seelenfrieden ging.”

Quellen und Literaturtipps:
Hans-Christian Kirsch, Tilman Riemenschneider. Ullstein Verlag, Frankfurt/Main, 1983  (Zitat von Thomas Mann aus diesem Buch, Seite 286)
P. Joh. Arnold, Tilman Riemenschneider. Franz Eher Nachf., Berlin, 1838
www.hergottskirche.de

 

Foto: Riemenschneider-Altar in der Herrgottskirche, Creglingen © Evangelisches Pfarramt Creglingen