Die Geschichte der Fünftälerstadt Geislingen

Die Geschichte der Fünftälerstadt Geislingen/Steige

Die Stadt Geislingen wird zwei Mal gegründet: Als Stauferstadt 1250 erstmals erwähnt, bleibt sie bis in das Industriezeitalter ein Landstädtchen. Mit dem Bau der Bahnstrecke von Heilbronn nach Ulm und hier dem Teilstück zwischen Geislingen im Tal und Amstetten auf der Schwäbischen Alb beginnt der Aufstieg zur Industriestadt.

Der Talkessel der „Fünftälerstadt“, wie Geislingen auch genannt wird, ist ein alter Siedlungskern am Fuß der Alb. Der moderate Aufstieg vom Filstal auf die Höhe verbindet - über Rhein, Neckar und schließlich, ab Ulm, über die Donau - die Nordsee mit dem Schwarzen Meer.

Die Giselinge übernehmen den Talkessel

Die ältesten Funde stammen aus der Bronzezeit von 1800 bis 800 v. Chr. Nach den Bewohnern in der Jungsteinzeit siedeln sich hier keltische Bauern, Handwerker und Händler an. Um die Zeitenwende erobern die Römer diesen Knotenpunkt und errichten nördlich davon ihre erste Grenze gegen die germanischen „Barbaren“ – den Alblimes.

Der Limes hält dem Ansturm der germanischen  Alemannen bis 260 n.Chr. stand, dann wird er überrannt. Der Stamm der „Giselinge“ übernimmt den Talkessel. Aus dieser Zeit stammen auch die vielen Ortsnamen mit –"ingen" als Endung. Die für die Region so typische Namensgebung bezeichnet die Heimstatt der Angehörigen eines Stammes oder einer Sippe -  aus dem Wohnort der Giselinger wird Gislingen.

 Mit dem Auftreten der Franken in Mitteleuropa müssen sich auch die südlichen Alemannen und mit ihnen die Giselinger im Jahre 536 n. Chr. deren Machtanspruch beugen. Bis 700 n.Chr. wird das Gebiet christianisiert. Das fränkisch-deutsche Königtum entsteht und in der Folge das Heilige römische Reich dt. Nation.

Aus den Dienstmannen der Könige entsteht der Adel. Um das Jahr 1103 erscheint zum ersten Mal die Familie der Helfensteiner im Schenkungsbuch des Klosters Hirsau. Auf dem Bergsporn oberhalb der wichtigen Handelsstraße vom Rhein zur Donau, errichten sie eine Burg und erhalten von Kaiser Barbarossa die Erlaubnis zum Betrieb einer Zollstation. Diese Mautstelle ist eine Goldgrube, und die Helfensteiner können es sich leisten, um die Station zu sichern, eine Stadt zu bauen.

Das Stadtrecht und die Blütezeit

1250 erhält Geislingen von den Staufern das Stadtrecht und wird Zentrum des ausgedehnten Machtbereichs der Grafen zu Helfenstein. Die Adelsfamilie hat eine gewisse Bedeutung im deutschen Reich. Das Stadtrecht wird immer wieder erneuert – Geislingen erlebt eine Zeit der Blüte.

Politische Herrschaft und wirtschaftlicher Erfolg des Feudaladels dieser Zeit gründen sich auf den Einnahmen aus ihrem Grundbesitz. Diese sind der Zins für die Überlassung von Land, Wasserrechten oder anderen mit dem Grundbesitz verbundenen Nutzungsrechten. Zum weitaus größten Teil wird diese Zinspflicht  in Form von Naturalien oder der Ableistung von Dienstpflichten, den Frondiensten, abgegolten.

Das Aufkommen der Finanzwirtschaft mit Darlehen, Krediten und bargeldlosem Warenverkehr zwingt die Feudalherrschaft des Mittelalters zur Anpassung an diese frühe Form des Kapitalismus. Hauptträger dieser Entwicklung sind die Städte und ihre immer selbstbewusster werdenden Bürger.

Viele Adelsfamilien überstehen diese Entwicklung nicht, zumindest nicht unbeschadet. So auch die Helfensteiner. 1356 wird die Herrschaft ein erstes Mal geteilt. Kaum dreißig Jahre später müssen sie einen großen Teil ihres Besitzes an die Freie Reichstadt Ulm verpfänden. 1396 übernimmt Ulm endgültig den Geislinger Teil mit der Stadt und der Burg. Die neuen Herren richten eine Obervogtei ein, die Burg wird zur Festung ausgebaut, im Jahre 1400 wird ein Wehrturm errichtet,  der Ödenturm. Die Entwicklung immer besserer Geschütze führt dazu, dass die Burg überflüssig wird. Und so wird sie geschleift, nur der Ödenturm bleibt erhalten.

Zeit der Wirren und Revolten

Im Vorfeld der Bauern- und Bürgerrevolten des beginnenden 16. Jahrhunderts, begehren auch die Geislinger mehr Rechte gegenüber ihrer Herrschaft in Ulm – der Aufstand 1514 wird niedergeschlagen.
Die nächsten Unruhen bringt die Reformation nach Geislingen. Die protestantische Minderheit bittet die Ulmer Ratsherren um einen eigenen Pfarrer. Der Bitte wird entsprochen; und trotz der übermächtigen katholischen Kirche und ihrem kämpferischen Priester betreibt Ulm die Reformation unbeirrt weiter.
1530 wird Ulm endgültig evangelisch. Aber es dauert noch bis zum Jahr 1590, bis die neue Lehre den letzten Bürger der Stadt überzeugt hat. Damit sind die Auseinandersetzungen um den rechten Glauben aber noch nicht zu Ende. 1618 beginnt der dreißigjährige Krieg um Macht und Einfluss von Papst, Kaiser und Fürsten in Mitteleuropa.

Im dreißigjährigen Krieg wird Geislingen nahezu entvölkert

Die gute Verkehrslage rächt sich für die Stadt blutig. Truppendurchmärsche, Einquartierungen, Plünderungen, dazu die Pest, schlechte Ernten und Hungersnöte wechseln sich ab und als der Friede 1648 endlich geschlossen wird, ist Geislingen fast entvölkert und die Umgebung verwüstet.
Mühsam erholt sich die Stadt.. Aber in den nächsten 150 Jahre kommt es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen, deren Folgen auch die Fünftälerstadt treffen. Türkenkrieg, Franzosenkriege, der spanische Erbfolgekrieg und die Kriege in der Folge der französischen Revolution 1789 lassen die Stadt nicht zur Ruhe kommen. Erst mit der Neuordnung Europas unter Napoleon und dem Ende des alten Reiches 1806, hat Geislingen als Festungsstadt ausgedient und wird Teil des neuen Königreiches Württemberg.

Stadt der Beindreher

Trotz dieser wechselvollen Geschichte hat sich Geislingen weit über die Region hinaus einen Namen gemacht als Stadt der „Beindreher“, der Elfenbeinschnitzer. Die „Geislinger Waren“ sind in aller Welt bekannt und sichern der Stadt einen bescheidenen Wohlstand, auch über schlechte Zeiten hinweg.

Bau der Bahnstrecke an der Geislinger Steige
© Foto: Rudolpho Duba/pixelio.de

Bau der Bahnstrecke Heilbronn - Ulm

In der Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt die Zeit der „zweiten Stadtgründung“. Auslöser ist wieder die gute Verkehrslage, denn das junge Königreich investiert in überregionale Verkehrswege.
Eines der ehrgeizigsten Projekte ist die Bahnstrecke von Heilbronn nach Ulm. Für das wichtige Teilstück dieser Strecke, den Aufstieg auf die Alb, bieten Geislingen und das Rohrachtal die idealsten Bedingungen. Auf 5,5 Kilimeter muss ein Höhenunterschied von 120 Meter bewältigt werden. Das heißt: Um die Eisenbahn auf die Hochfläche der Alb zu bringen, werden für einen Meter Höhenunterschied 44,5 Meter Bahnstrecke benötigt.

1847 beginnt der Bau. 3000 Arbeiter, mehr als Geislingen Einwohner hat, arbeiten an der Strecke. Am 29. Juni 1850 ist es soweit, der erste Dampfzug startet von Geislingen seine Fahrt in Richtung Amstetten. Mit dabei sind der leitende Ingenieur Knoll und sein Vetter, der Müllersohn Daniel Straub. Sie kommen am Geburtsort von Straub vorbei, der Schimmelmühle im Rohrachtal.

Kroll und Straub sind an diesem Tag um 30 000 Gulden reicher geworden. Sie haben vor Beginn der Arbeiten in das Projekt investiert. Mit dem Gewinn kann sich der 35jährige Daniel Straub einen lang gehegten Wunsch erfüllen: den Bau einer mechanischen Werkstätte.

Die Geschichte der WMF

Daniel Straub, Sohn der wohlhabenden Müllerfamilie der Schimmelmühle, heiratet 1836 Catherina Oechsle, die Tochter des Kapellmüllers von Geislingen. Das junge Paar übernimmt die Mühle des Schwiegervaters und der technikbegeisterte Ehemann investiert 1838 in moderne Mühlentechnik.
Drei Jahre später erweitert er die Kapellmühle um eine Walzmühle, deutet aber schon im Gesuch an die Stadt an, einen “besseren gewerblichen Betrieb“ zu planen. Unterhalb von Geislingen, in den „Laufferwiesen“, hat Straub Grundstücke gekauft und die Rohrach derart kanalisiert, dass auf 60 Meter Wasserlauf ein Gefälle von 8 Meter entstanden ist.
Diese Wasserkraft ist wie geschaffen für eine Fabrik - aber noch kann sich Straub nicht gegen die alten Rechte der Anrainer durchsetzen. Diese nutzen die Rohrach zur Bewässerung ihrer Wiesen und sehen eine Industrieansiedlung sehr kritisch.

Fortschrittsmedaille für ein Mühlrad

Mittlerweile ist die Eisenbahnstrecke gebaut, und Straub erweitert 1850 die Kapellmühle um eine Schmiede, sowie eine mechanische Werkstatt. Innerhalb von zwanzig Jahren wird aus dem Müller Daniel Straub der Maschinenfabrikant und Besitzer der MAG, der Maschinenfabrik Geislingen.
Auf der Wiener Weltausstellung 1873 erhält die MAG für ein acht Meter großes Mühlrad die Fortschrittsmedaille. Das Rad dreht sich in der väterlichen Schimmelmühle bis 1950.

Auf den Laufferwiesen stockt das Fabrik-Projekt noch immer. Der Verkauf der Wasserkraft an die Textilunternehmer Staub aus Zürich scheitert 1852. Straub entschließt sich, eine eigene Fabrik zu gründen und findet in den Brüdern Schweizer aus Esslingen die idealen Partner für sein Unternehmen. Die Brüder sind Experten in der Kunst der Metallbearbeitung, der Verformung und Veredelung von Metallblechen.
Im Herbst 1853 startet die „Metallwarenfabrik Straub und Schweizer“ ihre Produktion in den neu erbauten Fabrikgebäuden an der Rohrach.  Ende des Jahres 1854 sind auch die Wasserrechte geklärt und bis 1855 läuft der Betrieb mit 15 Arbeitern als Handwerk. Schon 1855 beantragt Straub die Fabrikkonzession und ein Jahr später beschäftigt er bereits 60 Leute. 1866 scheidet der Teilhaber Friedrich Schweizer aus dem Unternehmen aus; und Straub macht 1870 seinen einzigen Sohn Heinrich zum Teilhaber.

1876 stirbt Heinrich Straub, die Trauer der Eltern ist grenzenlos. Der unternehmerische Ehrgeiz des Vaters scheint gebrochen. Vier Jahre nach Heinrichs Tod holt der Vater Straub die Firma Ritter und Co. aus Esslingen in das Unternehmen. 1880 entsteht daraus die Württembergische Metallfabrik, die WMF.

Mehr als 100 Jahre später ist die WMF AG mit 6000 Beschäftigten in Standorten auf mehreren Kontinenten und einem Umsatz von über 1 Milliarde Euro weltweit eines der größten Unternehmen in der Branche weltweit - und die Heimatstadt von Daniel Straub hat zehnmal so viele Einwohner wie damals

Die Straub`sche Mühle gibt es auch noch - 350 Jahre Mühlentradition am alten Standort im Rohrachtal. Ein Hofladen und ein sehr ansprechendes Restaurant mit Cafe sind hinzu gekommen. Ein Ausflug lohnt allemal.

Foto: © Christoph Korth/pixelio.de

Quellen und Lesetipps:
Geislingen an der Steige: Ein Führer durch die Stadt, ihre Geschichte und ihre Umgebung/Karlheinz Bauer und Otto Haug, Geislingen(Steige): Carl Maurer, Geislingen (Steige), 1967
150 Jahre WMF: 1853 – 2003/Jürgen Vogler WMF Pressestelle, WMF AG Geislingen 2003