“Glück auf” im Erzgebirge – die Bingestadt Geyer

Wie Teile des Erzgebirges u.a. vom Silberbergbau geprägt wurden.

Wer im Erzgebirge wandert, in der Region rund um Geyer, dem ist das "Glück auf" als Gruß allgegenwärtig. Geyer ist eine typische Kleinstadt, und ihre wechselvolle Geschichte ist repräsentativ für das Erzgebirge.

Durch den Bergbau und die Textilverarbeitung geprägt und, an den Gebäuden gemessen, auch wohlhabend geworden, ist Geyer ein idealer Ausgangsort zur Erkundung des mittleren Erzgebirges. Die Stadt liegt an der sächsischen Silberstraße, die 150 Kilometer durch das Abbaugebiet dieses einstmals so begehrten Metalls führt.

Das Erzgebirge ist ein Mittelgebirge, etwa 150 km lang und 40 km breit, zwischen dem Vogtland im Westen und dem Elbdurchbruch des Elbsandsteingebirges im Osten. Im Norden begrenzt durch die Städte Zwickau, Chemnitz, Freiberg und Dresden, ist das Gebirge leicht ansteigend zum Süden hin eine sogenannte Pultscholle.

Der Kamm des Erzgebirges ist zwischen 900 Meter und 1200 Meter hoch und bildet die Staatsgrenze zwischen Deutschland und Tschechien. Nach Tschechien oder Böhmen fällt das Gebirge steil ab.

Das Gebirge wird unterschieden nach drei Hauptregionen, West-, Mittel- und Osterzgebirge. Nach Norden entwässern tief eingeschnittene Flusstäler wie  die Zwickauer Mulde, das Schwarzwasser, die Zschopau oder die Flöha zur Elbe. Die böhmischen Flüsse gehören auch zum Einzugsgebiet der Elbe.

Das Klima ist rau - so rau, dass alpine Pflanzen vorkommen, die sonst nur in höheren Regionen der Alpen gedeihen. Schnee, Regen und Frost gibt es reichlich - in Oberwiesenthal gibt es nur 150 frostfreie Tage im Jahr. Der  "Erzgebirchler" kennt sich mit Schnee bestens aus, so ist es kein Wunder, dass unsere besten Sportler der nordischen Kombination, der Rennrodler und Skispringer von hier stammen.

Siedlungsgeschichte

Die leichte Zugänglichkeit von Nordwesten her begünstigt ab dem Jahre 1100 die Besiedlung des Mittelgebirges im Zuge der Ostkolonisation. Das gesamte Gebiet ist von undurchdringlichem Wald bedeckt. Franken aus dem Westen und Sachsen aus dem Norden erhalten vom Fürst Land zur Rodung und Bewirtschaftung, verbunden mit der Freiheit von Abgaben und Lasten.
Rasch bilden sich Waldhufendörfer in den ebenen, fruchtbaren Lagen. Sie sind gekennzeichnet durch die sog. "Hufen": Landstreifen, die unmittelbar an die Gebäude der Siedler anschließen und bewirtschaftet werden
In den höheren Lagen, ab etwa 700 Meter, entstehen auf Rodungsflächen Streusiedlungen mit einzelnen Gehöften, die von Wald umgeben sind.

"Großes Berggeschrey"

Wegen der eher kargen Landwirtschaft wäre die Besiedlung sicher bald abgeflaut, hätte sich nicht schon im Jahre 1150 in Freiberg das "große Berggeschrey" erhoben - so nennt man die Nachricht von reichen Erzfunden, die sich in Windeseile im Lande verbreiteten. In der Folge kamen Bergleute aus den schon vorhandenen Revieren im Harz in das Erzgebirge.
Das gewonnene Silber wird in Hammerwerken direkt "zu Geld gemacht" - der berühmte Joachimsthaler stammt daher. Die Blütezeit des Erzbergbaues ist im 15. und 16. Jahrhundert.

Die Region verändert sich

Die immer stärkere Besiedelung und die Ausbeutung des Gebirges hinterlassen ihre Spuren im Landschaftsbild. Nicht nur die "Stolln" und Weitungen im Berg, auch die Zinnwäschen und Hammerwerke verändern die Region. Die zwei wichtigen Rohstoffe Holz und Wasser und deren Nutzung tragen ebenfalls dazu bei. Holz zum Verbauen der Stollen und zum Betrieb von Glashütten und Schmelzen, sowie künstliche Wasserläufe zur Be- und Entwässerung der Bergwerke werden intensiv genutzt.
So ist auch die Binge bei Geyer der Einsturztrichter einer bis zu 40 Meter hohen Weitung unter dem Geyersberg, und der Röhrgraben im Greifenbachtal führt dem Bergwerk von Ehrenfriedersdorf Wasser zur Metallwäsche zu.

Im Dreißigjährigen Krieg entvölkert sich das Erzgebirge. Der Bergbau kommt fast zum Erliegen. Neue Wirtschaftszweige entstehen mit der Textilverarbeitung und der Holzschnitzerei. Der Bergbau konzentriert sich auf seltene Metalle; Kaolin zur Herstellung von Porzellan in Meißen und Kobaltblau zum Färben.
Im östlichen Teil des Erzgebirges entstehen aus den in den Bergmannsfamilien betriebenen Schnitzwerkstätten Manufakturen, die die Schwibbögen, Nußknacker und Räuchermännchen herstellen. Sie sind bis heute begehrte Mitbringsel aus dem Erzgebirge.

Zudem entstehen Baumwollspinnereien, Walzwerke und Textil verarbeitende Betriebe wie die Spitzenklöppelei und die Posamentherstellung. Die beginnende Industrialisierung um 1800 und Erfindungen wie die Baumwollkrempelmaschine und die Dampfmaschine begünstigen die Ansiedlung von großen Betrieben im Erzgebirge.

Vom Silber- zum Uranbergbau

Die Einführung der Goldwährung im Deutschen Reich 1871 besiegelt das Ende des Silberbergbaues im Erzgebirge. Der Silberpreis verfällt. 1913 schließt das letzte Silberbergwerk.  Im 1. und im 2. Weltkrieg wird der Silberbergbau zwar wieder aufgenommen, aber große Bedeutung erlangt der Bergbau erst wieder mit der Entdeckung der Kernspaltung in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts und, nach Ende des 2. Weltkrieges, mit der Entwicklung von Kernwaffen:
Bereits 1789 in Pechblenden in Johanngeorgenstadt entdeckt, dient das Uran lange Zeit zum Färben von Glas. Zu Zeiten des kalten Krieges zwischen Ost und West wird im Erzgebirge Uran für die Kernwaffenproduktion der Sowjetunion abgebaut. Vor allem im östlichen Erzgebirge entstehen große Abbaugebiete, die eine starke Bevölkerungszunahme nach sich ziehen.

Die gesundheitlichen Gefährdungen der Arbeiter sind enorm. Lungenkrebs und Silikose -  die sogenannte "Schneeberger Krankheit"- sind die häufigsten. 20 000 Bergleute sterben in den Jahren von 1952 bis 1990 frühzeitig an diesen berufsbedingten Krankheiten.
Die ehemalige sowjetisch-deutsche Aktiengesellschaft Wismut ist 1991 in die Wismut AG übergegangen und betreibt die Altlastensanierung der Abbaugebiete.

Vom Bergbau geblieben ist die Entdeckung eines großen Zinnvorkommens mit einem heutigen geschätzten Wert von 3,34 Milliarden Euro. Auf Grundlage der Berechnungen von DDR-Geologen aus den 1970er und 80er Jahren wird zum Beispiel für die Gegend um die Stadt Geyer mit 44 000 Tonnen Zinn gerechnet. Der Abbau ist genehmigt, aber die Finanzierung noch nicht gesichert.

Die neben dem Bergbau betriebene Textil- und Metallverarbeitende Industrie ist vom Auf und Ab der Metallpreise unabhängig und hat sich stetig weiter entwickelt. Bedeutende Woll- und Leinewebereien, Wäsche - und Strumpffabrikation mit einem starken Anteil an Heimarbeit sicherten den Wohlstand in der Region. Hinzu kommt seit dem 20. Jahrhundert die Entstehung von großen Industriezentren der Fahrzeug- und Maschinenproduktion sowie der Feinmechanik und der Elektrotechnik.

In 800 Jahren Bergbau entsteht aus einer durchweg bewaldeten Mittelgebirgsregion eine vom Menschen umgestaltete Kulturlandschaft. Künstliche Wasserläufe, Stauseen, Kahlschläge und Waldsterben durch Hüttenrauch sind Kennzeichen dieser Entwicklung. Das heutige Bild des Naturraumes Erzgebirge hat sich sehr zum Positiven gewandelt. Ausgedehnte Schutzgebiete mit seltenen Tierarten wie Uhu und Schwarzstorch, eine ökologisch ausgerichtete Forstwirtschaft mit der Vogelbeere als Charakterbaum und traditionell sanfter Tourismus prägen heute das Erzgebirge.

Quellen:

Meyers Enzyklopädisches Lexikon, 9. Auflage 1977, Mannheim, Bd. 8, Seite 174-175

www.stadt-geyer.de/

www.holzbildhauerei-dietzsch.de

www.stadt-ehrenfriedersdorf.de/